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  • danieladobrovolny

„Da musst du dich durchsetzen!“


Diesen Satz habe ich in meiner Reiterkarriere häufig gehört. Viel zu oft, habe ich ihn geglaubt. Bis ich endlich angefangen habe, Dinge zu hinterfragen. Aus einer anderen Perspektive zu sehen. Irgendwann habe ich kapiert, dass wir es uns mit dem Satz „Der verarscht dich.“ ganz einfach zu einfach machen.

Will es nicht, oder KANN es nicht?

Als ich meine Maus vor 5 Jahren übernommen habe, habe ich häufiger angefangen mir folgende Frage zu stellen: Will sie nicht, oder kann sie nicht?


Unser Start war alles andere als einfach. Eine 8-jährige Stute, der man kein Halfter mehr anlegen konnte und von der wir nicht wussten, wann sie das letzte Mal geritten wurde, nur dass es wohl sehr lange her sein musste. Die sich bei jeder Kleinigkeit künstlich aufgeregt hat und die dabei teilweise auch – zumindest gefühlt – gefährlich wurde. „Ob du dir da mal nicht zu viel vorgenommen hast.“ – Diesen Satz hat meine innere Stimme damals oft zu mir gesagt….


Ich kann mich noch an einen Tag im Mai 2015 erinnern. Es hat an diesem Tag geregnet. Ich habe Elbe deshalb in ihrer Box geputzt. Andere Dinge haben wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht gemacht. Sie hat Heu gefressen und ich habe sie gestriegelt. Wie man das halt so macht, habe ich die Bürsten aufeinander ausgeklopft. Aber das war wohl zu viel… irgendetwas hat da


bei ihr einen Schalter umgelegt. Schneller als ich reagieren konnte, habe ich mich zwischen Boxenwand und Pferdehintern wiedergefunden. Sie hatte mir mit angelegten Ohren blitzschnell den Hintern zugedreht. „Hoffentlich komme ich da jetzt wieder lebend raus…“ dachte ich, als ich mich vorsichtig richtung Boxentür bewegte. Tatsächlich habe ich es überlebt und wir haben angefangen miteinander zu arbeiten.


Vertrauen, Elbe Equinecare, Problempferd
Eindeutig! Sie veräppelt mich! *g*

„Die verarscht dich. Setz dich durch!“


Exakt diesen Satz, und einige andere Variationen davon, habe ich oft gehört. Sogar von Leuten die mit Pferden gar nichts am Hut haben. Mit dem Wissen das ich heute habe, hätte ich in diesen Situationen anders reagiert.


Mein Pferd wollte partout nicht rückwärts gehen. Vorwärts ist sie mir „fröhlich durch die Gegend gestolpert“. Zu faul zum Füße heben… aber war es das wirklich? Beim longieren auf der linken Hand hat sie komplett verweigert. Bestenfalls hat sie sich nur eingedreht und ist stehengeblieben. Es kam aber auch vor, dass sie einfach eigenständig umgedreht hat und auf der rechten Hand weiter gelaufen ist. Wenn ich dann auf die linke Hand bestanden – „mich durchgesetzt habe“ – dann ist sie explodiert. Steigen, Bocken, alle Viere in der Luft und weg war sie. Keine Chance sie zu halten.


Geritten hab ich sie zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht. Hat erst recht niemand verstanden.


„Wie alt ist dein Pferd?“ „Na, da musst du dich jetzt aber ranhalten! Je älter die werden, desto schwieriger wird das.“ „Du willst die aber schon reiten, oder?“ und mein Lieblingssatz: „Reitest du sonst aber schon, oder?“


Das mit dem Gelände war auch so eine Sache. Sie hatte einfach vor allem panische Angst. Radfahrer, Autos, und je größer das „Monster“ desto schlimmer war es natürlich. Also erstmal spazieren gehen. Die Straße zum Hof runter und wieder hoch.


Für mich war mit der Vorgeschichte aber von Anfang an klar: wir fangen ganz von vorne an. Bodenarbeit, longieren, Gelände an der Hand. Erstmal eine Basis aufbauen.




Das Pferd „will“ eine bestimmte Lektion nicht ausführen… = fehlender Gehorsam?

„Und was ist wenn sie recht haben? Muss ich mich da einfach nur durchsetzen?“ Das mit dem Longieren hat mich jedenfalls stutzig gemacht. Rechts rum alles gut. Schritt, Trab, Galopp auf Kommando. Links rum Steigen, Bocken, Losreißen… irgendetwas passt da nicht zusammen. Wenn sie mich „verarschen“ wollen würde, würde sie das auf beiden Seiten machen. Tut sie aber nicht.


Also habe ich angefangen meine bisherigen Kenntnisse auf den Prüfstand zu stellen, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dass Pferde auf beiden Händen unterschiedlich gut zu reiten sind, weiß man ja aus der Reitschule. Aber das wars zu dem Thema dann eigentlich auch. Wie sich das im Verhalten äußern kann, welche Auswirkungen das hat, was da eigentlich genau passiert, wenn so ein Pferd „schief“ ist – ganz ehrlich: keine Ahnung….

Heute weiß ich: Sie konnte nicht.

Als ich durch Recherchen auf das Thema „natürliche Schiefe des Pferdes“ gekommen bin und da häufig genau unsere Probleme beschrieben waren, war das für mich endlich die Bestätigung dessen was ich ohnehin bereits gefühlt habe: sie verarscht mich nicht und sie ist auch kein Problempferd. Sie hat ein Problem.


Immer öfter habe ich mich dann endlich gehört gefühlt. Endlich bin ich auf immer mehr Pferdeleute getroffen die mich verstanden haben und die meine Meinung geteilt haben. Und so habe ich weiter gemacht wie bisher. Gymnastizierung vom Boden und spazieren gehen. Wir haben alle Zeit der Welt, habe ich mir gesagt. Langsam wurde auch die Sache mit dem Longieren besser und unsere Runden im Gelände immer ausgedehnter.



natürliche  Schiefe, rechts holes Pferd, Probleme beim Longieren, Verhaltensauffälligkeiten, Probleme im Umgang
Die natürliche Schiefe des Pferdes von oben betrachtet.

Auf dem rechten Bild sieht man deutlich die nach rechts gekrümmte Wirbelsäule (rechts holes Pferd). Wer untrainiert versucht einen Spagat zu machen, wird in etwa nachvollziehen können wie es sich für ein rechts holes Pferd anfühlt, sich auf der linken Hand nach links biegen zu müssen (Dehnungsschmerzen sind mitunter sehr, sehr unangenehm!)

„Extreme Schreckhaftigkeit“ und „Verhaltensauffälligkeiten“ können mit Blockaden und Verspannungen zu tun haben

Das war auch so eine Sache die ich glücklicherweise irgendwann mal aufgeschnappt habe. Das war wieder so ein „Aha-Moment“ für mich. Hat mein Pferd Probleme im Bewegungsapparat? Hat es vielleicht sogar Schmerzen? Und wenn ja, wer kann mir da helfen? Tierarzt, Physiotherapeut, Osteopath? Wir haben viel probiert und experimentiert. Zum ersten Mal wirklich verstanden gefühlt habe ich mich aber erst bei Birgit (Birgit Volesky, www.sportpferdecoaching.de).

„Ja das ist eine gute Idee, sich da nicht drauf zu setzen.“

Hat Birgit gesagt, als sie mein Pferd das erste Mal gesehen hat.

Der erste Mensch, der mir das bestätigt hat, was ich von Anfang an wusste. Danke Birigt!


Birgit hat angefangen meine Stute zu behandeln. Zugegeben, etwas merkwürdig war das für mich damals ja schon, als sie mit der „Taschenlampe“ an meinem Pferd „herumgeleuchtet“ hat. Aber ich habe schnell gemerkt: Das tut ihr verdammt gut!


Im Lauf der Zeit hat sich Elbe dann auch komplett verändert. Früher war sie einfach „da“. Entweder komplett auf null… oder auf hundert. Einen Mittelweg gab es damals nicht. Plötzlich war das anders. „Na du kleine Überwachungskamera.“ Hat Birgit eines Tages schmunzelnd zu meinem Pferd gesagt. Und sie hatte recht. Elbe hatte sich verändert. Sie war viel wacher und viel präsenter geworden, aber auf eine angenehme Art und Weise. Endlich war wieder „Leben“ in diesem Pferd.

Mit der kommt die klar? Die war ja gar nichts mehr!“

Das war die Aussage von einem Mann, der mein Pferd von früher kannte. Hat mir dann mal eine Reiterfreundin erzählt. Aus dem bösen, bockenden Pferd ist ein Verlasspferd geworden. Ja, auch bei uns ist nicht immer alles wie auf dem „Ponyhof“. Wir haben immer noch Themen und ich bin auch keine S-Reiterin. Ich habe viele Fehler gemacht, vieles nicht oder zu spät gesehen. Aber ich habe ein Pferd bekommen, auf das ich mich verlassen kann. Warum ich das weiß? Weil Elbe auf mich aufpasst, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind. Einmal hat sie sich auf dem Reitplatz erschrocken und hat einen Kickstart hingelegt. Damit habe ich nicht gerechnet und bin erstmal in „Wohnungsnot“ geraten. Elbe hat das gemerkt und ist stehen geblieben, vor dem offenen Reitplatzausgang.


Und das tut sie immer noch. Manchmal überkommt es sie im Gelände im frischen Galopp und sie buckelt. Sobald sie aber merkt, dass es bei mir eng wird da oben, bleibt sie stehen. Egal was das Pferd vor uns macht. Sie steht und wartet bis ich mich wieder sortiert habe.


Ja, jetzt kann man natürlich noch diskutieren, ob es sich für ein Verlasspferd gehört zu buckeln… ich denke das hat eventuell noch mit Verspannungen zu tun, oder es ist die Lebensfreude. Vielleicht auch mal das eine, und mal das andere.

In dubio pro equo - Im Zweifel für das Pferd

Wenn das Pferd „Probleme“ macht, wie auch immer diese aussehen, im Zweifel für das Pferd. Lieber genau hinsehen und nach möglichen Ursachen suchen. Hat das Pferd Schmerzen? Hat es Stress oder fühlt es sich unwohl? Passt der Sattel nicht? Sind Hufe oder Zähne nicht Ordnung? Warum schnappt es nach mir, wenn ich den Sattel auflege? Warum reißt es den Kopf hoch, wenn ich aufsteige oder warum geht es sogar weg? Warum tritt es nach dem Schenkel? Wieso reißt es sich los? Steigt es sogar?


Heute bin ich froh, dass ich diesen Weg gegangen bin. Es war nicht immer einfach und ich habe oft gezweifelt. Aber ich habe viel dazu gelernt und dann ja sogar selbst die Ausbildung bei Birgit gemacht. Ohne diese Erfahrungen würde ich heute nicht das tun, was mich zu tiefst erfüllt: Pferden helfen wieder in ihre seelische und körperliche Balance zu kommen.

Alles Liebe, Daniela

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